Eine Stunde später, Fortsetzung der Unterhaltung:

Carla:

„Hallo, da sind wir wieder. Ich habe über die Unterschiede zwischen unseren Wirtschaftsordnungen nachgedacht. In Venezuela gibt es kaum Privateigentum. Die Regierung hat viele Unternehmen verstaatlicht. Das macht es schwierig, eigene Ideen umzusetzen. Für mein Kiosk müsste ich so viele Genehmigungen einholen, das könnt ihr euch nicht vorstellen – und wahrscheinlich würde ich sie nicht bekommen.“

Sie:

„Moment! Was sind denn eigentlich Wirtschaftsordnungen?“

Carla:

„Eine Wirtschaftsordnung gibt vor, wie in einem Land wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Sie legt fest, nach welchen Regeln Unternehmen, private Haushalte und der Staat miteinander umgehen.“

Sam:

„Das mit den Genehmigungen klingt wirklich frustrierend, Carla. Bei mir in den USA ist Privateigentum ein Grundrecht. Ich kann mein eigenes Unternehmen gründen, ohne dass mir der Staat reinredet. Mein Freund hat einen Kiosk für vegane Snacks eröffnet. War total einfach.“

Jonas:

„In Deutschland ist das ähnlich. Wir bezeichnen unsere Wirtschaftsordnung als Soziale Marktwirtschaft. 

Das Privateigentum ist bei uns geschützt. Das heißt, Unternehmen und Privatpersonen dürfen z. B. Maschinen, Gebäude und Grundstücke besitzen. Sie dürfen damit Waren und Dienstleistungen herstellen oder sie für das private Leben nutzen. Mit Privateigentum kann man tun, was man möchte. Allerdings nichts, was anderen schadet (z. B. die Entsorgung von stinkendem Müll auf dem eigenen Grundstück). Es gilt die Regel „Eigentum verpflichtet“.

In Ausnahmefällen kann man enteignet werden. Z. B. wenn eine öffentliche Straße gebaut wird. Man enthält dann aber eine Entschädigung (z. B. Geld oder ein anderes Grundstück).

Wettbewerb ist bei uns erwünscht und wird gefördert. Wir sprechen hier von Wettbewerbsfreiheit. Wir haben Regeln, die sicherstellen sollen, dass der Wettbewerb fair bleibt. Es gibt Wettbewerbsbehörden, die verhindern, dass große Unternehmen kleine Wettbewerber vom Markt drängen. Wir haben zum Beispiel das Bundeskartellamt. Das verhindert, dass sich große Unternehmen heimlich absprechen, um die Preise künstlich hochzuhalten.“

Carla:

„Wettbewerb? Das klingt interessant. In Venezuela gibt es kaum Wettbewerb. Wir dürfen nicht wie in Deutschland Unternehmen gründen und Produkte und Dienstleistungen anbieten, wie wir es wollen. Die meisten Produkte werden staatlich kontrolliert. Wenn ich z. B. nach Lebensmitteln suche, finde ich oft nur die staatlich festgelegten Marken.“

Sam:

„In den USA kann ich zwischen verschiedenen Herstellern wählen und das Produkt kaufen, das mir am besten gefällt. Wenn ich zum Beispiel nach veganen Snacks suche, kann ich zwischen Bio-Produkten, importierten Marken oder lokalen (regionalen, örtlichen) Herstellern wählen. Es gibt sogar eine Vielzahl an Medikamenten, die ich im Supermarkt kaufen kann. Das nennt man Konsumfreiheit.“

Sie:

„Wenn ich in Deutschland im Supermarkt bin, gibt es auch eine große Auswahl an unterschiedlichen Produkten. Medikamente gibt es allerdings nur in der Apotheke zu kaufen. Zigaretten dürfen z. B. erst ab 18 Jahren verkauft werden. Diese Einschränkungen dienen dem Schutz der Gesundheit.“

Jonas:

„Das liegt daran, dass du Konsumfreiheit hast. D. h. du darfst kaufen, was du möchtest. Der Staat schränkt die Konsumfreiheit nur ein, wenn der Schutz der Allgemeinheit oder von Einzelnen notwendig ist. Z. B. darfst du nicht einfach Waffen kaufen und Medikamente nur in der Apotheke.“

Carla:

„Ich wünsche mir, dass ich in Venezuela die gleichen Möglichkeiten hätte. Es wäre auch toll, einen Job zu wählen, den ich mir selbst aussuche. Je nach wirtschaftlicher Lage, steuert bei uns der Staat den Zugang zu bestimmten Ausbildungen – er legt fest, wer welche Arbeit machen muss.“

Jonas:

„Bei uns in Deutschland hat man wie in den USA eine freie Berufs- und Arbeitsplatzwahl. Jeder hat das Recht, seinen Beruf, seinen Ausbildungs- und seinen Arbeitsplatz frei zu wählen. Allerdings gibt es Bereiche, wo man in Deutschland bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss. In manchen Berufen darf man z. B. ohne Meistertitel keinen Betrieb gründen. Man braucht z. B. ein abgeschlossenes Medizinstudium, um als Arzt arbeiten zu dürfen.“

Sam: 

„So ist es bei mir in den USA auch, nur gibt es weniger Einschränkungen. Ich finde es echt spannend, wie unterschiedlich unsere Wirtschaftsordnungen sind.“

Jonas:

„Absolut. In Deutschland heißt die Wirtschaftsordnung Soziale Marktwirtschaft. Die Grundidee lautet: So viel Freiheit wie möglich, so viel staatliche Kontrolle wie nötig.

Der Name setzt sich aus zwei Gegensätzen zusammen. Marktwirtschaft steht für Freiheit und Wettbewerb. Jeder kann kaufen und verkaufen, was er möchte. Jeder darf Beruf und Arbeitsplatz frei wählen und darf Unternehmen gründen. Unternehmen und Privatpersonen haben das Recht, Eigentum zu besitzen und damit zu machen, was sie möchten. Das Ziel ist Fortschritt und Leistung.

Das Wort „Soziale“ steht für die Sicherheit. Der Staat greift an manchen Stellen ein und verhindert, dass der Wettbewerb rücksichtslos (unfair) wird. Er sorgt für ein „soziales Netz“ und schützt diejenigen in der schwächeren Position.

Kurz gesagt: Der Staat greift nur ein, wo der Markt allein versagt. Er greift ein, um Armut zu verhindern und Chancengleichheit zu schaffen. So soll Wohlstand für alle und nicht nur für wenige entstehen.“

Sie:

„Die Soziale Marktwirtschaft hat also viele Freiheiten, aber auch einige Einschränkungen.“

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